2002 Zum Kebnekaise
“Kebnekaise wir kommen”, so hieß es am Ende der 2000er Jukkasjärvi-Tour, und drei der damaligen Teilnehmer ließ dieser Traum auch nicht mehr los. Und so machten sich dann Anfang März 2002 fünf Männer, eine Frau und 52 Huskies auf den Weg.
13. März: Gerade noch in flotter Fahrt über den Torneträsk unterwegs, stoppt Johnny plötzlich nach den ersten Hügeln beim Aufstieg zur Lappjord-Hütte und zieht Jacke, Mütze und Handschuhe aus. Das kann nur ein schlechtes Zeichen sein! Denn auf drei Touren haben wir so etwas noch nie von unserem Guide zu sehen bekommen und sind daher gespannt, was jetzt folgen wird. Jeder kennt den Spruch: “Lächle, denn es könnte schlimmer kommen”. Auch wir Teilnehmer lächeln anfangs noch, aber es kommt viel, viel schlimmer.
Waren schon die letzten 2-3 km durch die Vorberge wegen vieler enger Passagen für die langen Gespanne eine Herausforderung gewesen, so folgt jetzt entlang des norwegisch-schwedischen Grenzzaunes ein Aufstieg der Klasse XXL. Bisher haben wir schon vier Pässe in der Reiseliste abgehakt, aber jetzt geht es über mehrere Geländestufen nahezu in der Falllinie nach oben. Tiefer Schnee verlangt Hunden und Menschen das Äußerste ab, zumal er mit jedem Gespann mehr und mehr die Konsistenz von grundlosem Morast annimmt. Einer passt auf die wartenden Gespanne am Fuße der Stufen auf, ein anderer auf die oben Angekommenen. Dazwischen mühen sich vier Menschen, zum teil bis an den Bauch in den Schnee einbrechend, zusammen mit den Hunden einen Schlitten nach dem anderen nach oben zu wuchten.
Irgendwann ist die Aktion geschafft und moderater weitersteigend erreichen wir kurz nach 17 Uhr die Lappjord-Hütte. Außergewöhnlich hübsch eingerichtet, erfreut sie uns mit einer fantastischen Aussicht über den Torneträsk, die Lappenpforte und das dahinterliegende Gebirge. In der klaren Nacht wirken Abisko und Björkliden in der Tiefe wie funkelnde Diamanten-Kolliers, und selbst Kiruna ist anhand seiner “Lichtkuppel” gut auszumachen. Darüber spannt sich noch das schönste Nordlicht der Tour – einfach traumhaft und eine schöne Entschädigung für die Plagerei des Tages. Gerade in solchen Augenblicken schweifen meine Gedanken zurück, und ich rekapituliere wie wir eigentlich hierhin gekommen sind.
Das Team
Begonnen hatte alles mal wieder in Bardufoss am Airport:
Jutta und ich treffen etwas früher ein und warten mit Johnny auf Wulf, unseren 3-Sterne-Outdoorkoch (davon später mehr), der mit uns schon die 2000er Tour verbracht hatte. Dabei lernen wir auch gleich Wolfgang, unseren vierten Mitfahrer kennen. Auch er ist, wie alle Tourenteilnehmer, ein “Wiederholungstäter”. Auf Jonnys Farm wird dann auch schnell klar, wer unsere Runde komplett macht. Wir treffen auf Uwe mit Familie. Uwe hatte früher mal Johnnys Huskies für eine Saison trainiert und ist nun mit einem gemischten Gespann aus sechs “Sibiriern” und sechs “Grönies” von den Gestaden des Mains in den hohen Norden gekommen, um die Kebnekaise-Tour auf eigenen Kufen mitzufahren.
Bechern mit Jägern
Am 1. März starten wir wie üblich in Innset am Altevatn. Zügig gelangen wir zum Lavvu und Tags darauf zur Politiodden-Hütte. Hier zelten drei norwegische Jäger auf Schneehuhnjagd. Als sie sich im Gegenzug zur Verkostung unserer Rumvorräte mit irgendwelchen obskuren Bränden revanchieren, räumen einige von uns schnell das Feld. Aber nicht alle. Das führt dann am anderen Morgen bei diesen zu ernsten Ausfallerscheinungen, die aber in Teamarbeit gut kompensiert werden.
Vielleicht ist es ja gerade das, was Johnny veranlasst, der nächsten Nacht auf unserem Weg nach Jukkasjærvi eine besondere Note zu geben. Etwa eine Tagesetappe von Jukkasjærvi entfernt biegt er plötzlich rechts ab, führt uns über einige verschneite Felsbrocken rumpelnd auf eine Lichtung in einem Wäldchen und macht unter einer mächtigen Kiefer halt. Voila! Euer Open-outdoor-Camp! Auf die Frage, wo denn das Zelt stehen soll, erklärt er kurzerhand, bei solch einem “milden” Abend (-18° C) brauche man kein Zelt, sondern nur ein großes Lagerfeuer.
Heute um eine tolle Erfahrung reicher, war ich an diesem Abend jedoch überzeugt, dass ich fürs “Indianerspielen” langsam etwas zu alt werde. Auch Wulf beklagt sich am anderen Morgen, dass er nicht gut geschlafen habe; sein Schlafsack sei so eng gewesen. Das führt gleich zu schallendem Gelächter aller Anwesenden, da Uwe ihm attestiert, er habe ja auch zu zweit mit “Captain Morgan” darin geschlafen. (“Captain Morgan” ist unsere Rumsorte.) Nach einem schnellen Frühstück und wunderschönem Trail erreichen wir dann Kenth Fjellborgs Sleddog-Kennel nahe Jukkasjärvi.
Kenth Fjellborg selbst ist ein Iditarod Veteran.
Bei ihm genießen wir wieder zwei Tage die Sauna und ergänzen unsere Vorräte durch eine Nachlieferung von Johnnys Frau. Janne ist an diesem Tag eigens ca. 240 km (eine Richtung) von Bardu über vereiste Straßen herübergekommen und muss auch wieder zurück.
Wildes Wasser & tückisches Eis
Schwer beladen starten wir dann am 6. März, um über den zugefrorenen Rautasälven den Rautasjaure und damit den Einstieg ins Hochgebirge zu erreichen. Sagte ich “zugefrorener” Rautasälven? Ja – solange er relativ gerade verläuft. Aber schon an den ersten Biegungen zeigt sich das Eis zur Mitte des Flusses hin geneigt. Der Wasserstand ist jetzt bedeutend niedriger als im Herbst und Hochwinter, und somit zeigt das ansonsten komfortabel dicke Eis an manchen Bruchstellen das offen vorbeischießende Wasser.
Am Prallhang einer scharfen Flusskurve ist es dann soweit: Der weitere Weg besteht nur noch aus drei riesigen, zur Fluss-Seite und offenem Wasser hin geneigten Eisschollen, auf denen uns eine maximal drei Meter breite, leicht schräge Durchfahrtmöglichkeit bleibt. Die Schlitten sind mit bis zu 120 kg beladen, kein Platz zum Wenden, und es besteht die Gefahr, bei -20° C ins Wasser zu fallen: Solch eine Situation mag man sich in kühnen Abenteuerträumen nicht vorstellen, geschweige denn sie in natura meistern müssen.
Nach einigen Diskussionen über das beste Vorgehen verkeilen sich drei der Männer hinter der oberen Eiskante; an den Schlitten werden seitlich Seile befestigt und dienen – von Mann zu Mann weitergereicht – der Absturzsicherung der Schlitten. Johnny und Uwe sind es dann, die die Gespanne Zug um Zug an dieser gefährlichen Stelle vorbeiführen müssen. Nach 1½ Std. schweißtreibender Arbeit ist es dann geschafft, und bis auf ein paar gerissene oder vor Aufregung durchgebissene Leinen sind auch keine Schäden zu verzeichnen.
Einen versöhnlichen Abschluß mit der Natur erfährt der Tag, als wir auf dem Rautasfjäll zur “blauen Stunde” unser Team-Zelt aufstellen. Das Licht wird an diesem Abend so ungewöhnlich gebrochen, dass nur die blauen Anteile übrigbleiben, die die Landschaft in eine fantastische Atmosphäre tauchen.
Ende Teil I